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Raum. Eine Filmkritik der anderen Art.


Dieser hoch philosophische Film kommt in minimalistischem Gewand, auch wenn seine Länge (118min) auf anderes hindeutet. Das liegt nicht nur daran, dass wir uns im ersten Drittel ausschließlich in „Raum“, einem 9 Quadratmeter kleinen Schuppen wiederfinden und an die Enge gewöhnen. Jede Mimik, jede Bewegung und nicht zuletzt auch jede Musik bleibt leise, ohne Schnörkel, sanft.
Unter anderem dieser Tatsache ist es geschuldet, dass wir „Raum“ hier besprechen – der Film ist empfehlenswert für Menschen, die schnell von Action, sinnloser Gewalt oder platter Handlung überreizt und/oder gelangweilt sind.

Gewalt kommt dennoch sehr viel vor: Abseits des Kamerawinkels, oft nur zu hören, anfangs nur zu erahnen. Je intensiver wir in das Geschehen einsteigen, desto stärker erleben wir die unerbittliche Brutalität und sind dennoch überrascht, dass der Täter nicht wie eine Bestie dargestellt wird, sondern wie ein Mensch, der neben uns wohnen könnte.

Dazu passt, dass der Täter („Old Nick“) lediglich bis zur Hälfte des Films als Antagonist sichtbar und spürbar bleibt. Hernach verändert sich alles.

Daten zum Film Raum - Erscheinungsdatum ist der 17. März 2016, Originaltitel Room (engl.), Genre Thriller, Drama, Regie führte Lenny Abrahamson, Hauptakteure sind Brie Larson, Jacob Trembley, Filmherkunft ist Kanada und Irland.

Inhalt

Der Hauptkonflikt schwebt wie ein Damoklesschwert über der Protagonistin Joy und ihrem kleinen Sohn Jack: Joy wurde als Mädchen entführt und seither von ihrem Entführer nicht nur gefangen gehalten, sondern auch missbraucht.
Über Jahre kann Joy die kleine Welt für Jack riesig und voller Liebe halten und so auch selbst am Leben bleiben, doch eines Tages stellt Jack zu viele Fragen. Joy beschließt, einen mutigen Schritt zu wagen:

Mit Jacks Hilfe kann sie aus der Isolation entfliehen. Doch um welchen Preis?
Wir erleben die mehrdimensionalen Konflikte der beiden Protagonisten und leiden mit ihnen, wenn etwa Jack sich nach „Raum“ sehnt – dem Ort, an dem er sich sicher und geborgen fühlt. Wenn Joy sich gegenüber ihrer Familie nun als erwachsene Frau und Mutter behaupten muss und gleichzeitig ihre schweren Traumata zu verstecken sucht. Wenn die Öffentlichkeit von den Grausamkeiten erfährt und auf Joy und Jack einströmt, kritische Fragen stellt. Wer kann sie schützen?

Kritik

Ein wenig gerät die Handlung ins Stocken, als wir erfahren, dass Joy die Flucht aus „Raum“ plant. Der Fluchtversuch zieht sich in die Länge, fast schon zu lang, bis plötzlich mit einem Ruck alles ins Rollen kommt. Wir erwarten, dass das Auffinden von Joy länger dauert, doch der unerschrockene Freund und Helfer weiß sofort, was zu tun ist. Auf uns wirkt das reichlich unrealistisch. Doch es ist handwerklich verständlich, denn die Suche nach der Mutter ist einer von vielen möglichen Handlungssträngen, der sich aus dem Basiskonflikt entwickeln kann. Hier hat die Regie einen anderen Weg bevorzugt.
So müssen wir nicht lange bangen, ob Jack etwa durch staatliche Hand von seiner Mutter getrennt bleibt. Anders würde der Film wahrscheinlich auch zu sehr ausufern.

Die Geschichte selbst entwickelt sich geradlinig und lässt dennoch viele mögliche Konflikte offen. Angeschnitten werden familiäre Streitigkeiten, Unsicherheiten, Ängste, auch Trauer. Angeschnitten wird Jacks Angst vor „der Welt“, die außerhalb von „Raum“ ist – noch vor dem „Weltall“. Anfangs kann Jack nicht einmal glauben, dass Menschen echt sind.

Dennoch reicht uns der kleine Blick in die einzelnen Konfliktpunkte, um hier das Ausmaß des Schmerzes zu erkennen, welcher unweigerlich auf eine solche Lebensgeschichte folgt; wenn sich zum Beispiel Joy an ihre Kindheit erinnert und sich fragt: Warum ausgerechnet ich?
Jeder stellt sich diese Fragen, wenn uns Schicksalsschläge treffen, Gewalt angetan wird, wir aus dem Alltag gerissen werden und nicht wissen, wie wir weiter machen sollen.

Doch es kommt anders. Wieder rettet Jack seiner verzweifelten Ma das Leben. Er findet die Kraft, ganz ohne seine „Superkräfte“ für sie beide zu kämpfen, die Welt lieben zu lernen und endlich ein normales Kind zu sein. An dieser Stelle finden wir wahrscheinlich das größte Mitgefühl in uns selbst und eine gigantische Bewunderung für hervorrangend gespielten Lebensmut.
Auch wenn wir sehen, dass Joy keineswegs narbenfrei oder „geheilt“ aus dem sehr komprimierten Abenteuer herausfindet, so freuen wir uns dennoch mit ihr und ihrem Sohn über ein gelungenes Happy End.

Empfehlung

Gänsehaut, viele Fragen zum Sinn des Lebens und zur Schönheit dieser Welt bleiben zurück nach diesem Film. Auch wenn das Böse, Verletzende stets lauert und jeden treffen kann, so erinnert uns diese kindliche Perspektive daran, was das Leben bedeutet.
Dies ist ein gelungenes Meisterwerk für Hochsensitive – und alle anderen, die sich mit tiefgreifenden Themen beschäftigen mögen.

Trailer zum Film



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