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Was Introversion nicht ist

Der Spiegel wollte mit dem Artikel über Introvertierte auf der beruflichen Überholspur mit dem Mythos aufräumen, dass nur extrovertierte Menschen es zu etwas brächten, weil sie sich besser selbst verkaufen können und obendrein mehr Chancen auf obere Sprossen der Karriereleiter hätten. Viele Menschen kommentierten sowohl auf der Webseite des Spiegel als auch in diversen sozialen Netzwerken mit Empörung. Der im Artikel wiedergegebene Eindruck könne nicht stimmen.

Insbesondere schreibt ein Kommentator:
„Da hat jemand seine eigenen Wunschträume beschrieben, aber nicht die Realität! Schüchterne Menschen können andere nicht führen, nicht motivieren, nicht disziplinieren! Als Chef muss man auch ein offenes Wort führen können. Ein Chef, der nicht vor seiner Mannschaft eine Rede halten kann, wird nicht ernst genommen! Ein Großschwätzer wird bald entlarvt; ein Blender ausgeblendet, aber Selbstwertgefühl muss sein, sonst klappt es nicht. Bei einer Besprechung sich nicht trauen, ein offenes Wort zu sagen oder mit leiser Stimme zu der Mannschaft reden, wirkt nur irritierend! Tut mir leid, habe ich so beobachtet!“

Offenkundig gibt es immer noch eine große Verwechslungsgefahr in Sachen Hochsensibilität, Schüchternheit und Introversion. Ich möchte dazu beitragen, diese Gefahr zu minimieren und die Introvertierten bestärken.

Grafik: Eine jagende Katze auf einer grünen Wiese

Die Unterschiede machen das Gift

Hochsensibilität ist die verstärkte Reizwahrnehmung im Gehirn, ohne Reizfilter. Damit einher gehen automatisch ausgeprägtere Körpersinne wie das Schmecken, Riechen oder Hören. Häufig sind hochsensible Menschen auch besonders empathisch, sie denken in Bildern, nehmen das große Ganze wahr. Damit haben sie einige Eigenschaften mit den Hochsensitiven gemein. Hochsensible Menschen können sowohl introvertiert als auch extrovertiert sein. Die Reizwahrnehmung hat keinen wirklichen Einfluss auf den Charakter. Auch Tiere können hochsensibel sein, wenn wir sie an ihren artspezifischen Merkmalen messen. Beispielsweise gibt es sowohl Hunde, die sehr vorsichtig, bedacht sind, eine klare Kommunikation bevorzugen und sich schreckhafter zeigen. Als auch Hunde, die kein Problem mit lauten Schüssen, platzenden Luftballons haben, inkonsequente Erziehung verzeihen und etwas grobmotorisch erscheinen können. Es gibt auf dieser Palette viele verschiedene Ausprägungen.

Schüchternheit ist eine Form von Angst, die von Bescheidenheit zu unterscheiden ist. Der Mensch nimmt sich selbst als unwert wahr, möchte nicht auffallen, nichts falsch machen, sich anpassen. Schüchterne Menschen leiden häufig unter sozialen Phobien. Das heißt, ihr Körper reagiert gegen ihren Willen mit starken Stresssymptomen auf alltägliche Kontaktsituationen. Das am meisten genannte Beispiel ist hier ein Referat vor der Schulklasse oder generell Publikum. Die Referenten schwitzen stark, zittern oft, können sich schwer auf den Text konzentrieren, den sie sprechen wollen. Sie sehen die Menschen vor sich und fühlen sich unwohl. Ihre Gedanken kreisen darum, wie sie etwas falsch machen, ausgelacht werden, verspottet werden. Eigentlich sind sie nicht falsch, haben aber ganz einfach Angst vor möglichen Szenarien. Diese Ängste kann man abtrainieren, freiwillig hat man sie jedoch nicht.

Introversion hingegen ist ganz einfach gesprochen die Innenwendung eines Menschen. Wer introvertiert ist, interessiert sich sehr für den eigenen Charakter, fragt sich, wie seine Persönlichkeit wohl aufgebaut ist, kennt seine Gefühls- und Gedankenwelt sehr gut und empfindet diese auch intensiv. Introvertierte sind sehr gern mit sich selbst allein. Sie genießen die Tätigkeiten, die sie mit voller Konzentration genießen können. Dabei philosophieren sie über die Welt, deren Schönheit und den Lebenssinn. Beispielsweise haben introvertierte Menschen viel Freude daran, einen Waldspaziergang zu machen. Sie beobachten die Tiere, lauschen den Vogelstimmen und hören im Rauschen der Bäume das pure Glück. Auf diese Weise gewinnen Intros Lebensenergie aus schönen Momenten, während das Zusammensein mit anderen Menschen meist sehr anstrengt. Man muss aufpassen, was man sagt, wie man sich verhält. Man muss sich auf den anderen Menschen fokussieren und genau das fällt Introvertierten schwer.

Intros sitzen nur in der Ecke und lesen

Das stimmt nur zum Teil. Introvertierte haben mehr als Extrovertierte Freude daran, sich mit einem Buch zu befassen, weil sie dabei niemand in ihren Kreisen stört und sie gänzlich in die Geschichte eintauchen können. Dabei kann es vorkommen, dass sie die um sie herum stehenden Menschen völlig ausblenden.
Dennoch bedeutet das nicht, dass Introvertierte nicht auch etwas anderes tun können. Sehr wohl können sie gute Teamplayer sein, auch als Führungspersonen, Mentoren und beste Freunde taugen sie. In dem Moment, da sie Vertrauen zu einem Menschen gewinnen, sich ganz öffnen können, zeigen sie ihr wahres Potenzial. Ihre Gedanken, die sie häufig für sich behalten, werden zu guten Ratschlägen. Ihre selbstbewusste, respektvolle Art macht sie für Motivationsaufgaben gerade zu perfekt.
Auch Introvertierten geht es manchmal darum, im Vordergrund zu stehen und den Ton anzugeben. Beobachtet zu werden, mit Anerkennung überhäuft zu werden. In diesen Dingen scheinen sie sich nicht von extrovertierten Menschen zu unterscheiden.

Der kleine, aber feine, Unterschied besteht darin, dass der Extrovertierte nach seiner großen Rede mit neuer Kraft die Bühne verlässt und sich heiter in eine direkte Diskussion mit dem Publikum stürzen kann. Der Introvertierte hingegen ist erschöpft, braucht Zeit, um alle Eindrücke zu verarbeiten. Er findet keine Kraft mehr, zusätzlich zu all den Gedanken und Gefühlen, die er aus der Rede mitnahm, noch mit dem Publikum zu sprechen.

Es wird immer so sein, dass es Jobs für Extrovertierte gibt, die vor allem Energie und Motivation aus guten Gesprächen mitnehmen. Und es wird immer Jobs geben für die Leisen, für die Beobachter, die ihre Ergebnisse kurz mitteilen, um sich dann – allein - wieder ihrer Arbeit hinzugeben.

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